Dreht das Rad zurück – ein Plädoyer für parallele Ansetzungen im Fußball

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Stand: 10.05.2024 14:19 Uhr

Die Konstellationen in den drei Fußball-Profiligen haben hohes Potenzial für spannende Konferenzen an den letzten Spieltagen. Aber die unterschiedlichen Ansetzungen vernichten vieles von diesem Potenzial. Es wäre so einfach, das Rad ein bisschen zurückzudrehen, und ein bisschen gerechter würde der Fußball auch.

Gijón ist eine spanische Stadt an der Küste, die für ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Fußballs steht. Bei der Weltmeisterschaft 1982 wurde dort das Spiel zwischen Deutschland und Österreich ausgetragen. Es wurde regelkonform nach 90 Minuten und ein bisschen Nachspielzeit abgepfiffen, war aber schon viel früher zu Ende. Horst Hrubesch erzielte in der elften Minute das 1:0 für Deutschland. Das Ergebnis passte beiden Mannschaften gut in den Kram. Beide waren damit weiter, Algerien raus.

Das Spiel verlief so, dass es sich den Namen “Schande von Gijón” verdient hatte. Die Beteiligten beteuern noch heute, dass ihr absurdes Ballgeschiebe nicht abgesprochen gewesen sei, sondern sich so ergeben habe.

Das mag stimmen. Gelegenheit macht Diebe. Das Spiel in Gijón führte dazu, dass bei Turnieren fortan die letzten Gruppenspiele für dieselbe Anstoßzeit angesetzt wurden.

In den deutschen Profiligen war es über Jahrzehnte so, dass die Partien der letzten beiden Spieltage gleichzeitig ausgetragen wurden. Seit der Saison 2020/21 gilt das nur noch jeweils für die letzten Spieltage.

Gijón an der Castroper Straße möglich

Das sollte rückgängig gemacht werden, damit sich gar nicht erst die Gelegenheit ergibt, Gijón – beispielsweise – an die Castroper Straße zu verlegen. Im dortigen Ruhrstadion trifft am Sonntag (12.05.2024) der VfL Bochum auf Bayer Leverkusen. Dem Meister wird völlig egal sein, wie die anderen Partien des 33. Spieltages ausgehen. Ihm wird nur wichtig sein, das Spiel nicht zu verlieren, um die historische Serie auszubauen.

Ein Unentschieden könnte auch den Bochumern reichen, um den Klassenerhalt zu sichern. Um die Voraussetzung zu schaffen, müsste der 1. FC Köln gegen den 1. FC Union Berlin gewinnen.

Diese Partie wird am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen, drei Stunden bevor der ebenfalls stark abstiegsgefährdete 1. FSV Mainz 05 gegen die Borussia aus Dortmund antritt, der alle weiteren Spiele der Saison egal sein können, in denen der Gegner nicht Real Madrid heißt.

Wettbewerbsverzerrung ist ein großes Wort, und ein viel zu großes für den skizzierten Fall, der eintreten könnte. Der Wettbewerb wird in hohem Maße durch die ungerechte Verteilung der (Europapokal)-Gelder verzerrt, auch durch die Duldung von Ausnahmen von 50+1. Da sind unterschiedliche Anstoßzeiten am 33. Spieltag nur ein Mosaiksteinchen.

Aber es wäre im Gegensatz zu den ganz großen Themen so wunderbar einfach das Rad mal ein bisschen zurückzudrehen. Tor in Köln, Elfmeter in Bochum, Rote Karte in Mainz – es wäre als Nebeneffekt auch eine Konferenz mit viel Potenzial für beste Unterhaltung. Vor allem würde es auch die Spieler schützen. Eine möglicherweise extrem langweilige zweite Halbzeit in Bochum beim Stand von 0:0 würde den Reflex hervorrufen: “War doch klar.” Im Grunde wäre es aber: nicht blöd.

St. Pauli braucht einen Sieg, vielleicht aber nicht mal einen Punkt

Auch in der 2. Bundesliga gäbe ein gleichzeitiger Anstoß aller Partien dem Spieltag noch mehr Würze. Der Hamburger SV wüsste zwar auch dann, dass er am Freitag unbedingt beim SC Paderborn gewinnen müsste, um die Chance auf die Aufstiegsrelegation zu erhalten. Fortuna Düsseldorf aber wird schon vor dem Anpfiff des Topspiels bei Holstein Kiel am Samstag wissen, ob es zumindest den dritten Tabellenplatz sicher hat. Dann wäre der Fortuna ein Punkt in Kiel vermutlich viel zu wenig, der hingegen aufgrund der Tordifferenz sehr wertvoll sein könnte, sollte der HSV gewinnen.

Der FC St. Pauli kann sich alles in Ruhe anschauen. Er spielt erst am Sonntag und ist dann vielleicht schon aufgestiegen. Dafür müsste Kiel gegen Düsseldorf gewinnen. Auch der Abstiegskampf hätte potenziell mehr Spannung, würde das Spiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem SV Wehen Wiesbaden parallel zur Partie FC Schalke 04 gegen FC Hansa Rostock angepfiffen.

Waldhof Mannheim wird Ergebnisse aller Konkurrenten kennen

In der 3. Liga kämpfen noch vier Traditionsvereine gegen den Abstieg. Mit Arminia Bielefeld und dem Halleschen FC treffen zwei im direkten Duell aufeinander. Anstoß ist am Samstag um 14 Uhr. Ab 16.30 Uhr hat der SV Waldhof dann den SV Sandhausen zu Gast. Verlöre Halle zuvor auf der Alm, würde den Mannheimern ein Punkt aufgrund der deutlich besseren Tordifferenz sicher ganz gut gefallen.

Der TSV 1860 München wird das alles gespannt beobachten, sollte er sich nicht am Freitagabend schon mit einem Sieg (ein Unentschieden würde sehr wahrscheinlich auch reichen) aus dem Abstiegskampf verabschiedet haben. Die “Löwen” treten bei Rot-Weiss Essen an, das noch Chancen hat, den Relegationsrang zu erreichen. Eine Konferenz hätte großes Potenzial, und es wäre so leicht zu bekommen.

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