Andere Meister als der FC Bayern: Die Schale und die Folgen

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Stand: 15.04.2024 18:50 Uhr

Rauschhafte Zustände, überbordende Glücksgefühle. Eine Stadt, ein Verein im Ausnahmezustand. Was Bayer Leverkusen gerade erfährt, haben in den vergangenen 20 Jahren nur vier andere Klubs erlebt, die in die Phalanx des FC Bayern einbrachen.

Sobald die Vormachtstellung der Münchner gefährdet scheint, schaltet der Rekordmeister in den Angriffsmodus. Auch jetzt kündigte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen flugs an, der Branchenprimus werde “nicht ruhen, bis die Schale wieder zurück” an der Säbener Straße sei. Die Rheinländer sind gut beraten, Fehler ihrer Vorgänger zu vermeiden – die Rückendeckung durch ein Großkaliber wie die Bayer AG ist da sicherlich nützlich.

Werder Bremen 2004: Der Kunstschuss von Ailton

Nach der Jahrtausendwende entwickelte sich ziemlich überraschend Werder Bremen zum ärgsten Rivalen der Bayern. Alles gipfelte am 32. Spieltag der Saison 2003/2004, als die Hanseaten mit einem furiosen 3:1-Sieg in München eine sagenhafte Serie veredelten. In jenen rauschhaften Tagen entstand die Kulthymne “Lebenslang Grünweiß” mit dem Originalkommentar aus dem Olympiastadion vom 8. Mai 2004: “Riesenpatzer von Olli Kahn!…Tor durch Micoud!…Ailton versucht den Kunstschuss! Und trifft! Es geht ja alles!”

In seinen Papageien-Trikots zelebrierte Werder einen ähnlich aufregenden Fußball wie die Werkself heute. Als alle nach der Meisterschaft wieder nüchtern waren, schnappte sich der von den Baumeistern Klaus Allofs und Thomas Schaaf so klug komponierte Kader im Pokalfinale gegen den Zweitligisten Alemannia Aachen noch das Double.

Die Grün-Weißen drehten in den Folgejahren an der Gehaltsspirale, um Nationalspieler wie Per Mertesacker, Torsten Frings und Miroslav Klose möglichst lange zu halten, aber nach einigen Jahren war der Standort sportlich größer geworden als er wirtschaftlich sein konnte. Der Alltag heißt längst nur noch Abstiegskampf. Und doch würde niemand auf die Idee kommen, die schöne Zeit an der Weser mit den vielen Gastspielen in der Champions League zu verfluchen.

VfB Stuttgart 2007: Der Kracher von Thomas Hitzlsperger

Was Allofs und Schaaf bewerkstelligten, bekamen nur drei Jahre später noch einmal der Manager Horst Heldt und der Trainer Armin Veh beim VfB Stuttgart hin. Die Schwaben waren damals der lachende Dritte, weil Schalke in Dortmund patzte, Werder das bayrische Werben um Klose störte. Als Thomas Hitzlsperger am letzten Spieltag gegen Cottbus am 19. Mai 2007 mit Energie aus der Ferne traf, verwandelte sich nicht nur das damalige Gottlieb-Daimler-Stadion in ein Tollhaus.

Die Bayern hingen in jener Phase schwer durch, qualifizierten sich als Vierter nicht mal mehr für die Champions League. Stuttgart taten die Lorbeeren nicht gut, Veh verlor schon im Herbst 2008 den Job. Weil das Gehaltsgefüge in ungesunde Sphären wuchs, ging VfB-Torjäger Mario Gomez 2009 für 30 Millionen Euro zu den Bayern.

VfL Wolfsburg 2009: Die Hacke von Grafite

In jenem Jahr hatte der VfL Wolfsburg die nächste Schwächephase der von Jürgen Klinsmann verwirrten Münchner genutzt. Wie der Brasilianer Grafite am 4. April 2009 die Kugel kunstvoll mit der Hacke im Zeitlupentempo über die Linie legte, sah dreist aus. Felix Magath wechselte bei jener 5:1-Gala gleich noch seinen Ersatztorwart André Lenz ein.

Nach dem Autokorso rief der Meistercoach aus, man solle gehen, wenn’s am schönsten ist. Ihn beerbte kein anderer als eben Veh, der allerdings keinen Zugriff auf die VfL-Stars bekam. Der ehemalige Touristikmanager Jürgen Marbach verdoppelte und verdreifachte mit Billigung des damaligen VW-Chefs Martin Winterkorn die Saläre eines Edin Dzeko, Zvjezdan Misimovic oder Grafite, doch der Erfolgshunger der “Wölfe” war dahin. Für die Serienproduktion von Meisterschaften im Männerfußball war die Autostadt einfach nicht geeignet – und Magaths Arbeit nicht auf nachhaltigen Erfolg ausgelegt.

Borussia Dortmund 2011 und 2012: Eine ernste Gefahr für den Primus

Das ist im Rheinland unter dem weitsichtigen Sportdirektor Simon Rolfes anders – und diese Gefahr wittern die Bayern-Bosse. Wenn Präsident Herbert Hainer jetzt postuliert, “die Schale muss zurück nach München”, kündigt sich ein Verhalten ganz im Duktus seines Vorgängers Uli Hoeneß an. Auch der Patron hatte es nicht auf sich beruhen lassen, wie sich Borussia Dortmund nach der Fast-Insolvenz zu einem gefürchteten Gegenspieler verwandelte.

Wie Hans-Joachim Watzke die Konsolidierung gestaltete und Jürgen Klopp den Umschaltfußball etablierte, bescherte dem BVB gleich zwei Meisterschaften hintereinander. 2012 noch mal den Husarenstreich von 2011 zu bestätigen, dazu im Pokalfinale den ärgsten Konkurrenten zu blamieren und 2013 in Wembley im Champions-League-Finale noch mal die Stirn zu bieten, wollten die Bayern sich nicht gefallen lassen.

Nach Mario Götze lotsten sie 2014 ablösefrei den BVB-Torjäger Robert Lewandowski an die Isar. Der entscheidende Transfer, um den nationalen Liga-Betrieb für die folgenden Jahre zu dominieren. Demnächst werden die Bayern sicher einen Ausnahmekönner wie Florian Wirtz mit allen Mitteln umgarnen – wenn nicht schon der Köder für 2025 ausgelegt ist.

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